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Thursday 27th of April 2017
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Mit Minarett, aber ohne Muezzin

Noch müssen die Muslime in Stuttgart-Feuerbach in einem Hinterhofgebäude beten. Ein ehemaliges Lager ist zur Gebetsstätte umfunktioniert, über dem Eingang ein arabischer Schriftzug, gleich daneben der Frauengebetsraum, auf der anderen Seite ein kleines türkisches Restaurant - alles sehr bescheiden, ein wenig trist. „Wer betet schon gerne im Hinterhof?“, meint ein älterer Mann, der gerade das Mittagsgebet beendet hat.

Doch wenn alles glattgeht, gehört die Tristesse in der Feuerbacher Mauserstraße demnächst der Vergangenheit an. Stolz zeigt Ismail Cakir, Chef des Feuerbacher Ditib-Moscheevereins, die Pläne. Eine „echte“ Moschee soll her, die erste in ganz Stuttgart, ein prächtiges und hochmodernes Gebäude mit viel Glas und einer mächtigen Kuppel, unter der bis zu 2000 Gläubige Platz finden.

Auch ein ganz besonderes Highlight ist vorgesehen: Es soll nicht ein, sondern gleich zwei Minarette geben. „Zwei sind schöner als eins“, sagt Cakir lächelnd. Ein echter architektonischer Hingucker in dem ansonsten eher unansehnlichen Viertel, das manche auch „Klein-Istanbul“ nennen, meint Cakir. „Sehr modern, keine klassische Moschee, das ganze Viertel wird dadurch schöner.“

Im Restaurant im Noch-Hinterhof wird Döner mit Salat serviert, der Kellner stellt ungefragt kleine, schlanke Teegläser auf die Tische, die meisten Frauen tragen Kopftuch. An einem Tisch mit drei jungen Frauen ohne Kopftuch wird Schwäbisch gesprochen.

Die Sache läuft in Stuttgart bisher eher ruhig an

Was sie von dem Projekt Moschee halten? „Grundsätzlich habe ich nichts dagegen“, meint die 23-jährige Franziska. Eine Religion solle ja immer dem Frieden dienen, fügt sie offenbar mit Blick auf Extremisten hinzu. Ihre Kollegin meint: „Mir macht das gar nichts aus.“ Schließlich dürfe jeder seine Religion frei ausüben - „auch Muslime“. Die dritte junge Frau sagt, sie habe sich noch keine Meinung gebildet. Keine der drei Frauen ist Muslimin, und sonderlich zu bewegen scheint sie das Projekt Moschee in Feuerbach nicht.

Auch Werner Wölfle, Stuttgarts Bürgermeister für Soziales und Integration, betrachtet die Pläne ohne Aufregung. Während der Bau der Großmoschee in Köln vor einigen Jahren noch kräftig Wellen schlug und es Kritik hagelte, läuft die Sache in Stuttgart bisher eher ruhig an. „Es gibt zwar einige Serienbriefe von Kritikern, auch an die Stadträte.“ Hinter den Texten stehe eine Internet-Plattform namens „Pax Europa“, die vor einer islamischen Parallelgesellschaft und Gettobildung warnt. „Der Text ist immer der gleiche“, sagt Wölfle. Sonderlich aufzuregen scheint ihn das nicht. Die Stadt habe nun mal ein Interesse daran, dass auch die Muslime eine „ansehnliche Gebetsstätte“ besitzen.

Sümeyye, eine junge Muslimin mit dickem Kopftuch, bodenlangem Rock und wachen, dunklen Augen, sieht das ganz ähnlich. Die 23-jährige arbeitet im Cafe „Dedemoglu“ - serviert wird zuckersüßes türkisches Gebäck, süßer Kaffee und zum Mittag auch Döner mit Reis und Salat „Ich denke schon, dass wir eine gescheite Moschee brauchen.“ Sümeyye spricht „gescheit“ wie „g’scheid“, sie fühlt sich durchaus als Stuttgarterin. „Ich habe bisher auch noch keinen Widerstand gegen die Moschee gespürt.“

Im Stuttgarter Rathaus gibt es denn auch kaum Zweifel, dass die erste „richtige“ Moschee der Stadt tatsächlich realisiert wird. Zwar sind die Verträge noch nicht unterschrieben, der Bau noch nicht genehmigt. „Aber es hat schon Vorgespräche gegeben“, so Wölfle.

Enge Verbindung zur Regierung in Ankara

Auch die Tatsache, dass der Feuerbacher Moscheeverein dem umstrittenen bundesweiten Dachverbandes der türkischen Moscheegemeinden mit enger Verbindung zur Regierung in Ankara angehört, irritiert Wölfle nicht. Erst kürzlich machte Ditib bundesweit Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft wirft Ditib-Imanen in Nordrhein-Westfalen vor, für türkische Behörden Gemeindemitglieder in Deutschland ausspioniert zu haben. Doch Wölfle winkt ab: Man kenne Cakir und den Feuerbacher Vorstand seit Jahren. „Das sind alte Bekannte.“ Da habe man keine Bedenken. Auch Cakir pflichtet bei: „Wir spionieren nicht. Wir haben keine zwei Gesichter.“ Und er fügt hinzu: „Wir lieben dieses Land.“

Eine Frage allerdings sei noch offen, meint Cakir: Die Höhe der beiden Minarette. Bei anderen Moschee-Bauten war dies mitunter ein erheblicher Stein des Anstoßes. Das Architektenbüro SL Rasch, das bereits eine Moschee im saudischen Medina gebaut hat, wollte sich bedeckt halten, überhaupt erst nach Vertragsunterzeichnung zu den Plänen Stellung nehmen.

„Vielleicht 35 Meter hoch“, meint Cakir. Genau könne er das noch nicht sagen. „Wir bauen die Minarette so hoch, wie sie erlaubt werden“, sagt der Mann lächelnd. Eines aber stehe bereits fest: „Einen Muezzin wird es nicht geben.“

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